Als Steph ihr
Geburtstagsgeschenk aus dem Päckchen genommen hatte, rief sie
zu ihrer Mutter,
"Der Rest ist offensichtlich für dich!" Patty stutzte,
"für
mich? Ich habe doch heute gar nicht Geburtstag, oder doch? Nein, ich
bin mir
ganz sicher, ich habe heute nicht Geburtstag. Wieso aber ist dann etwas
für
mich in dem Päckchen?" Neugierig trat sie heran und fand einen
kleinen,
blauen, von Nane hergestellten Teddy vor. "Och wie süss!",
rief sie
aus, "aber wieso schickt mir Nane einen Teddy? Ich habe doch schon drei
von ihr. Wieso jetzt noch einer?"
"Tze!",
rief
der Teddy, "Die Frage, warum man Euch einen Teddy schenkt, ist wohl so
eine Art Vohla-Krankheit. Aber gut, dann erkläre ich es dir
eben auch. Wie ja
wohl jeder weiß, sind Teddybären aus einer Vielzahl
von toten Materialien
hergestellt. Sein "Leben" und seine "Seele" erhält ein
Teddy durch die Gedanken, die Emotionen und Gefühle des
Bärchenmachers bei
seiner Herstellung, die damit auf den Teddy übergehen. Eine
der besten
Erklärungen, warum ebenfalls handgefertigte Bären,
wie zum Beispiel die von
Steiff, einfach nur Stofftiere sind. Hier war der Kommerz im
Vordergrund und
die Gedanken gingen um Pause, Accord, Feierabend, Urlaub usw. Tja, und
bei
meiner Herstellung gingen die Gedanken nur um dich und deshalb waren
meine
ersten Worte, die ich sprechen konnte, "Ich fahre zu Patty", und erst
danach hab ich meinen Namen genannt. Upps, den hab ich dir ja noch gar
nicht
verraten, also um es kurz zu machen, ich bin Pat. Pat und Patty, passt
doch
gut, oder?"
Patty
sah das Bärchen
weiter fragend an, "Ja, passt prima und das mit dem Leben und der Seele
musst du mir nicht erklären, ich mache schließlich
selbst Bärchen und daher
weiß ich auch, dass jeder Teddy eine Aufgabe hat, also raus
mit der Sprache;
was ist dein Auftrag? Bist du eines von den schon im Forum angedrohten
Aufpass-
und Einschreitbärchen?" Pat grinste sie frech an,
"Wäre in deinem
Fall bestimmt angebracht und sinnvoll, aber ich bin ein Boten- und
Erinnerungsteddy. Ich soll dir sagen und dich auch immer wieder daran
erinnern,
dass es ganz viele Menschen gibt, die ständig an dich denken
und die dich
unheimlich gern haben." Patty sah den Teddy verlegen an, "aber dass
weiß ich doch auch so, auch ohne Teddy." "Aber mit Teddy ist
es
schöner", trotzte Pat, "und jetzt solltest du weniger fragen,
sondern
lieber mal lächeln." Na so ein frecher, kleiner Teddy! Aber
Patty konnte
nicht anders, als dieses kleine Trotzköpfchen
anzulächeln.
"Na
also",
freute sich Pat, "Damit habe ich ja auch meinen zweiten Aufgabenbereich
hinbekommen. Ich soll dir nämlich auch stets ein
Lächeln ins Gesicht zaubern. -
Okay, okay, ich hab da etwas plump nachgeholfen, aber es hat mir ja
auch
niemand gesagt, dass ich nicht ein wenig schummeln darf." Verlegen
malte
Pat Kreise mit der rechten Hinterpfote auf den Boden, während
Patty ihn
anschmollte, "och nee, schummeln ist jetzt aber nicht nett. So etwas
macht
doch ein Teddy nicht. Erzähl mir lieber eine Geschichte." Gut,
dass sich
Pat so etwas schon gedacht hatte und vorbereitet war, "das jetzt mit
der
Geschichte ist jetzt aber gar nicht so einfach, ich hab mal in der
Bibliothek
vom Teddydorf gestöbert und sie mit deiner Homepage
verglichen. So wie es
aussieht kennst du schon so gut wie alle Geschichten, aber die
Geschichte Eile
mit Weile, die kennst du scheinbar noch nicht." "Doch, kenne
ich", widersprach Patty. "Und wie sieht es mit "Der
glücklichste
Pechstag seines Lebens aus?" "Kenne ich auch schon", war die
knappe Antwort. "Mann, du machst es einem wirklich nicht leicht. Und
die
Geschichte von Anneliese und den Zauberbärchen?" Patty
schüttelte mit dem
Kopf, "nein die kenne ich tatsächlich noch nicht,
erzähl mal!" Pat
machte es sich unterdessen auf der Couch bequem, der schöne
Platz unter dem
Plastikbonsai war ja mal wieder von Keiko belagert, und begann mit der
Geschichte.
Anneliese
und die
Zauberbärchen
Anneliese
war schon ein
großes Mädchen, oder eine junge Frau, wie man es
nimmt. Als sie vor drei
Monaten aus dem Urlaub zurückkam, hatte sich ihr Leben jedoch
schlagartig
gewandelt. Zunächst musste sie erfahren, dass die Firma, in
der sie eine
Ausbildung zur Bürokauffrau machte, in der Zwischenzeit
bankrott gegangen und
ihr Ausbildungsplatz somit weg war. Das Sozialamt erklärte
ihr, dass sie keine
Hilfe zu erwarten hätte, da die Eltern zunächst an
der Reihe wären. Ihre
Eltern; was wussten denn die schon von ihren Eltern? Die Mutter krebste
selber
am Existenzminimum und der Vater, der war ein Auf-Und-Davon und schon
seit
Jahren nicht mehr gesehen. Sie konnte zwar zunächst einmal in
dem Wohnheim der
Firma weiterwohnen, bis der Konkurs abgewickelt ist, und eine warme
Mittagsmahlzeit fand sie in der Bahnhofsmission, aber
Frühstück und Abendessen?
Fehlanzeige, man kann auch sagen Null-Diät, aber damit war es
ja noch nicht zu
Ende.
Kurze
Zeit später musste
sie erfahren, dass ihr Urlaubsflirt nicht ohne Folgen geblieben war und
nun
auch noch die Mitteilung der Ärzte, dass sie durch ihre
mangelhafte Ernährung
ihre Nieren geschädigt hätte und diese nur noch zu
10% arbeiteten.
Anneliese war völlig am
Boden zerstört: ziellos
schlenderte sie durch das kleine Dorf, als sie an einem Zigeunerlager
vorbei
kam. Eine alte Zigeunerin sah sie und kam direkt auf sie zu. "Du siehst
gar nicht gut aus, du hast sehr viele Sorgen. Ich schenke dir einen
Zauberbären.
Wenn du ganz einfühlsam mit ihm sprichst, dann wird er einen
Zauber sprechen
und du bist alle Sorgen los", sprach die Zigeunerin, drückte
ihr einen
Teddy in die Hand und verschwand. "Ein Zauberbär?", sprach
Anneliese
leise vor sich hin, "das ist doch absolut verrückt, auf der
anderen Seite
bei so alten Zigeunerinnen ist alles möglich. Alle meine
Probleme willst du
wegzaubern können? Na, da hast du dir ja einiges vorgenommen.
Ich bin ungewollt
schwanger, meine Nieren müssten repariert oder ausgetauscht
werden, ich brauche
einen neuen Ausbildungsplatz und da ich inzwischen einige Schulden
habe, auch
noch jede Menge Bargeld. Meinst du wirklich, dass du das alles zaubern
kannst?" Der Teddy sah sie mitleidig an, "die Zigeunerin sagte, dass
ich EINEN Zauber spreche und der wird alle deine Probleme
lösen. Es war nicht
von mehreren Zaubern die Rede und auch nicht davon, dass ich alles
alleine
machen muss. Ich spreche jetzt einen Zauber, der dich "sehend" machen
wird."
Völlig verwirrt sah
Anneliese den Teddy an,
"wieso sehend? Ich kann doch sehen, ich brauche zwar zum Lesen eine
Brille, aber ansonsten sehe ich hervorragend. Meine Nieren sind im
Eimer! Hörst
du denn nicht zu?" Der Teddy verzog keine Mine, "Ich höre
schon zu,
aber du bist trotzdem blind und ich mache dich wieder sehend." Dann
sprach
der Teddy einige unverständliche aber unheimlich
furchteinflössende
Beschwörungsformeln. "Und was nun?", fragte Anneliese, "Ich
sehe
weder besser noch schlechter, als vorher." Doch der Teddy antwortete
nicht,
er grinste nur so vor sich hin und Anneliese machte sich auf den
Heimweg. Als
sie an einer Wiese vorbeikam, machte sie Halt. Der Löwenzahn
und der
Sauerampfer würden sicher einen guten Salat abgeben und dazu
noch kostenlos.
Flugs pflückte sie sich einen Strauss und sammelte noch einige
Kräuter für ein
Dressing dazu. Als sie die Buche auf der anderen Straßenseite
entdeckte,
entschied sie, den Salat noch mit ein paar Bucheggern zu verfeinern.
Zuhause angekommen bereitete sie
sich den Salat und
war überrascht, wie wohlschmeckend diese Gratisspeise war. Am
nächsten Tag
beschloss sie, dies zu wiederholen.
Auf dem Weg zu der Wiese kam sie
zwangsläufig an
ihrer alten Firma vorbei. "Bin ich blöd?", fragte sie sich,
"wenn eine Firma dieser Größe in Konkurs geht, wird
sie von einer anderen
Firma geschluckt und bei der wiederum könnte ich meine
Ausbildung beenden.
Warum hab ich da nicht schon früher dran gedacht?" Abermals
grinste der
Teddy, doch diesmal antwortete er, "weil du eben blind warst, auch wenn
du
es nicht glauben wolltest." Sie eilte schnell noch zu der Wiese, um
sich
einen Salat zu pflücken und wollte anschließend
sofort nach Hause gehen, um
sich für ein Vorstellungsgespräch bei der neuen Firma
umzuziehen. Auf dem
Heimweg jedoch begegnete sie einem Mann mittleren Alters. Er hatte
einen
schäbigen Anzug und Gummistiefel an und trug eine Angelrute
über der Schulter.
"Na, auch ein Naturkostfan?" fragte er, als er ihre eigenwillige
Salatmischung in der Hand entdeckte. "Ja," antwortete sie, "aber
wieso AUCH?" Der Mann lächelte verschmitzt, "ich habe lange
Jahre die
Supermärkte besucht, bis ich die Qualitäten der Natur
entdeckte, so wie Sie.
Wie wär's, begleiten Sie mich zum Angeln? Wir könnten
dann am Lagerfeuer die
Fische grillen und ihren Salat dazu essen. Als Dessert sammle ich uns
dann noch
ein paar Waldbeeren." Das Angebot war zu verlockend, als dass sie
ablehnen
könnte und das Vorstellungsgespräch, das hat auch
Zeit bis morgen. So gingen
die beiden Angeln und verbrachten einen wunderschönen Tag und
genossen die
Delikatessen, die die Natur für sie zum Nulltarif bereit
hielt. Anneliese
erzählte dem Mann von ihren Sorgen, von der Zigeunerin, dem
seltsamen Teddy und
von ihrer Idee mit dem Vorstellungsgespräch. Der Mann
hörte schweigend zu. Als
Anneliese mit ihrer Erzählung geendet hatte, sagte er nur,
dass so ein
Konkursverfahren eine Weile dauere und sie ruhig abwarten solle, die
neue
Firmenleitung werde sich schon melden. Anneliese wusste nicht warum,
aber sie
sah es ihm förmlich an, dass sie ihm vertrauen konnte und
wartete. In den folgenden
Wochen trafen sie sich immer häufiger zu gemeinsamen
"Natur-Dinners"
und aus der Freundschaft wurde mehr.
Eines
Tages, sie war
schon seit geraumer Zeit mit Wolfgang, so der Name jenes Mannes, fest
leiert,
als tatsächlich ein Anschreiben von der neuen Firmenleitung
kam, indem sie ihr
mitteilten, dass sie ihre Ausbildung bei ihnen fortsetzen
könne. Anneliese war
überglücklich, dass es nun auch beruflich wieder
bergauf gehen sollte und sie
Wolfgang nicht mehr so auf der Tasche liegen müsste.
Er
schwieg sich zwar
darüber aus, was er beruflich machte, aber er verdiente gewiss
nicht viel, so
wie er sich gab und kleidete und so würde ihre
Ausbildungsvergütung den beiden
sicher helfen. Zwei Monate später setzten bei Anneliese
spät am Abend die Wehen
ein und Wolfgang brachte sie sofort ins Krankenhaus. Die Ärzte
machten ein
Ultraschall und dann brachten sie sie sofort in die Not-OP. Nach endlos
erscheinendem Warten kam dann endlich die erschöpfende
Auskunft der Ärzte, dass
die OP erfolgreich verlaufen sei, aber für weitergehende
Auskünfte müssten sie
noch einige Tests machen. Am nächsten Morgen war Wolfgang
pünktlich zur Visite
im Krankenhaus. Anneliese war noch etwas benommen von der Narkose des
Vorabends
und die Ärzte berichteten ihr zunächst von der
erfolgreichen Operation.
"Operation?", fragte Anneliese entsetzt, "eine OP hätte ich
gar
nicht überleben können, meine Nieren arbeiten nur
noch zu 10%!" Der
Chefarzt sah sie verwundert an, "Ihre Nieren sind leicht
geschädigt, sie
arbeiten nur zu 95%, aber das ist überhaupt nicht weiter
tragisch. Wie kommen
sie denn auf 10%?" Anneliese erzählte von den Tests, die genau
in diesem
Krankenhaus gemacht wurden und eben dieses Resultat erbrachten.
Verwundert ließ
der Chefarzt nach der vollständigen Krankenakte schicken und
stellte fest, dass
Anneliese die Wahrheit sagte. Sie hatten dies aufgrund
zuverlässiger Tests
damals diagnostiziert.
"Das
ist ein
Wunder," sagte der Chefarzt, "so etwas hab ich in meiner gesamten
Laufbahn noch nicht erlebt. Aber es sind nicht ihre Nieren, die mir
Sorgen
machen, sondern ein Riss im Herzen ihres Babys." Wolfgang wurde
käseweiß,
"Kann man das denn nicht operieren? Da gibt es doch Lasertechniken und
so." Der Chefarzt nickte, "es ist in der Tat operabel, aber eine OP
bei einem Säugling ist aufwendig und teuer und da wir nicht
mit Bestimmtheit
sagen können, dass das Baby daran stirbt, verweigern die
Kassen die
Kostenübernahme. Sie sind der Ansicht, dass die OP
aufgeschoben werden sollte,
bis das Baby 14 Monate alt ist und die OP weniger aufwendig und somit
weniger
kostspielig ist." Wolfgangs weiße Gesichtsfarbe wich der
Zornesröte,
"Das ist unser Baby und da gehe ich überhaupt kein Risiko ein!
Die OP
zahle ich selber, bereiten sie bitte alles vor." Der Chefarzt musterte
Wolfgang von oben bis unten, dann sagte er vorsichtig "Sie verstehen
mich
falsch, die OP ist sehr teuer."
Wolfgang
zog ein Bündel
Geldscheine aus der Jackettasche, ich trage nie sonderlich viel Bargeld
mit mir
rum, ist einfach zu gefährlich, hier sind erst mal 100.000
Euro als Anzahlung,
den Rest bekommen sie, wenn sie mir die genaue Summe nennen." Der
Chefarzt
sah den Mann an als hätte er einen Geist vor sich, "nein, ganz
so teuer
nun auch wieder nicht, da bekommen sie noch was raus. Ich werde sofort
alles
notwendige veranlassen." Nach diesen Worten verschwand er aus dem
Krankenzimmer.
"Woher
hast du
soviel Geld? Wer bist du eigentlich wirklich?", fragte Anneliese nach
dieser ungewöhnlichen Krankenhausszene. Wolfgang strich ihr
übers Haar,
"ich bin ebenfalls eines Tages deiner Zigeunerin begegnet und auch ich
bekam ein Zauberbärchen, das mich sehend machte. Seit dem
führe ich dieses
Leben. Und da dieses Leben sehr preiswert ist, bleibt immer recht viel
Geld
übrig, Geld, das wir jetzt in unser Baby sinnvoll investieren
können. Wer ich
bin? Beruflich bin ich dein Chef, aber in erster Linie bin ich dein
Mann".
"Schöne
Geschichte", sagte Patty mit einem nachdenklichen Tonfall, "aber was
soll mir die Geschichte jetzt eigentlich sagen?" "Nix",
antwortete Pat wie aus der Pistole geschossen, "Nichts, was du nicht
schon
längst weißt, aber ich bin ja auch kein
Neuigkeitenbärchen, ich bin ein
Erinnerungsbärchen und ich werde dich immer wieder an die
Dinge erinnern, die
du im Grunde schon weißt, aber wenn du dich daran erinnerst,
dann geht es dir
gleich besser und wenn es dir besser geht, dann lächelst du
und wenn du
lächelst, dann habe ich eine meiner Aufgaben
erfüllt." Nach einer kurzen
Pause fügte er noch "ganz ohne schummeln!" hinzu.