Die Menge macht das Zeug zum Gift
eine Geschichte von Martin,
dem sich die Bären anvertrauen

Lieber Martin, ich bin wieder total fasziniert, was Dir diesmal Coco hier erzählt hat.
Und ich freue mich riesig, dass sich auch meine Duckie-Baeren Dir anvertrauen
und Du ihre Geschichten zur Verfügung stellst.
DANKE

* made by Martin A. Floessner *



Der Ältestenrat war ausser sich vor Empörung und berief sofort eine Sondersitzung ein. Coco hatte es doch tatsächlich gewagt, einen solchen Vorschlag dem Ältestenrat zu unterbreiten. Ein Spielcasino im Teddydorf! Das schlägt doch dem Fass den Boden aus. Man war im Teddydorf stets bemüht, durch Aufklärung vor solchen Lasterhöhlen zu warnen und jegliches Glücksspiel im Dorf im Keim zu ersticken und nun das!

Der Ältestenrat war sich schon nach wenigen Minuten einig. Dieser Vorschlag wird abgelehnt und für diese Frechheit, einen solchen Vorschlag zu unterbreiten, musste es noch eine entsprechende Sanktion geben. Sofort schickte man nach Coco, hätte nur noch gefehlt, dass man ihn in Handschellen herbei gezerrt hätte, und stellte ihn zur Rede. Naja, man nannte es zumindest so, denn zunächst einmal kam er überhaupt nicht zum Reden, denn der Ältestenrat schoss ein Feuerwerk aus Beschimpfungen und Vorwürfen ab und schloss schliesslich mit den Worten, „sag, Coco, was hältst du nun für eine Bestrafung für dich für angemessen?“ Verständnislos sah Coco den Ältestenrat an. Sicher, er war sich schon darüber im Klaren, dass der konservative Rat erst einmal ablehnend der Sache gegenüber stehen würde, aber dass er gleich so extrem reagierte, hätte er nicht gedacht. „Ehrenbürgerschaft im Tedydorf wäre vielleicht angemessen, oder aber das Teddyverdienstkreuz“, antwortete er schliesslich auf die provokative Frage des Ältestenrats, der nach dieser Dreistigkeit nun sichtlich nach Luft rang.

Coco nutzte diese Gelegenheit um seinen Vorschlag etwas besser zu erläutern. „Ihr seht das aus nur einer Perspektive und aus dieser betrachtet, gebe ich euch ja sogar in allen Punkten Recht, aber jedes Ding hat nun mal zwei Seiten und so eben auch ein Spielcasino.“ Einer der Mitglieder des Ältestenrates hatte inzwischen wieder etwas Luft bekommen und fiel ihm mit den Worten „hört, hört, und als nächstes will er uns heimtückischen Mord als Heldentat verkaufen“ ins Wort. Coco sah ihn böse an, er konnte ja anderer Meinung sein, das war sein gutes Recht, aber sein gutes Recht war auch, dass er seinen Standpunkt erläutern konnte, ohne dass man ihm ins Wort fiel. Das bestätigten schliesslich auch die anderen Mitglieder des Ältestenrates, nachdem Coco ihn aufforderte, nicht albern zu sein. „Coco hat Recht, so absurd sein Vorschlag und höchstwahrscheinlich auch sein Standpunkt ist, er hat das Recht ihn vorzutragen.“

Coco bedankte sich kurz dafür, das Wort zurückerhalten zu haben und fuhr mit seiner Erklärung fort. „Wir alle wissen um die Gefahren, die in Spielcasinos lauern und wir wissen auch um die negativen Einflüsse, die sogenannte Spielhöllen mit sich bringen, aber sie zu verbieten ist definitiv der falsche Weg, denn alles, was verboten ist, ist umso interessanter. Als weiteren Grund, den ich zu bedenken anregen möchte, ist der, dass wir Teddybären sind und nicht nur zum Ausheulen und Trösten da sind, sondern auch Ratgeber sein sollen. Wir wissen aber nie, in welche Situationen wir mal kommen werden. Wie sollen wir zum Beispiel bei Spielsucht einen vernünftigen Rat geben können, wenn wir selber noch niemals in einem Spielcasino waren? Sicher, eure Einwände sind ebenfalls berechtigt, aber wir wissen auch, dass es stets die Menge ist, die alles zum Gift macht. Das beste Beispiel ist ja wohl das Gift der Escalupschlange. Absolut tödlich, in kleinen Mengen dosiert aber eine hervorragende Medizin. Wenn wir jetzt ein Spielcasino hätten, wäre der Reiz des Verbotenen weg und wir könnten ganz normal da rein gehen und jede Menge Spass haben. Mit den Einnahmen aus diesem Casino könnten wir dann auch die lange geplante Erweiterung des Hallenbades um eine Sauna finanzieren. Jetzt zu euren berechtigten Einwänden: Ich habe mir überlegt, dass wir dem so entgegenwirken können, dass wir um Wilderdbeersaftflaschen spielen. Jeder Teddy darf aber pro Tag maximal drei Flaschen am Eingang kaufen. Sind sie verzockt, ist Schluss. Wenn er gewinnt, ja dann fliesst bei ihm am Abend der Wilderdbeersaft eben in Strömen. Soll ja auch sehr gesund sein.“

Der Ältesterrat begann zu grübeln. So betrachtet war diese Idee gar nicht so dumm. Immer wieder hatten sie ja einige Bärchen erwischt, wenn sie heimlich Poker spielten. Dem auf diese Weise kontrolliert entgegen zu wirken und damit auch gleich noch die lang ersehnte Sauna zu finanzieren, das war wahrhaftig ein Argument. So beschloss der Rat schliesslich, dem Vorschlag zuzustimmen. Das Casino war ein voller Erfolg und die Teddies hatten eine Menge Spass. Nicht nur beim Roulett, sondern auch beim Tischfussball und Mensch-Ärger-Dich-Nicht, was im Teddydorf allerdings Teddy-Ärger-Dich-Nicht hiess. Die Regel mit dem drei-Flaschen-Limit wurde von allen akzeptiert und strikt befolgt. Dennoch konnte das Dorf bereits ein halbes Jahr später, pünktlich zum Winteranfang, die neue Sauna, mit viel Frei-Wilderdbeersaft, einweihen.