Der glücklichste Pechstag seines Lebens
eine Geschichte von Martin,
dem sich die Bären anvertrauen

Lieber Martin, ich bin wieder total begeistert, was Dir Mika hier erzählt hat.
Und ich freue mich sehr, auch diese Geschichte hier veröffentlichen zu dürfen.
DANKE

* made by Martin A. Floessner *



Es war ein absolut "schwarzer Freitag" für Leonhard, so jedenfalls meinte er, diesen Tag bezeichnen zu müssen. Sein Chef hatte ihm soeben mitgeteilt, dass seine Abteilung geschlossen werden müsse, da die Firma seit über einem halben Jahr mit Verlust arbeitete und Einsparungen unumgänglich seien. Auf dem Heimweg nahm ihm dann noch ein Lastwagenfahrer die Vorfahrt und es kam zu einem Unfall, bei dem sein Auto völlig zerstört wurde. "Na klasse!", fluchte er, "die letzte Rate noch nicht bezahlt, aber die Karre ist Schrott." Als er endlich zu Hause eintraf und seiner Frau von diesem katastrophalen Tag berichten wollte, fand er statt seiner Frau lediglich einen Brief vor, in dem stand, dass sie ihn verlassen und zu ihrem Chef ziehen würde, mit dem sie bereits seit einem Jahr ein Verhältnis habe. Als dann noch die Polizei bei ihm anrief, um ihm mitzuteilen, dass sie seinen Sohn beim Ladendiebstahl erwischt hatten, war das Fass bis zum Überlaufen voll.

Frustriert setzte er sich an den Couchtisch und setzte Mika, einen kleinen anthrazitfarbenen Teddybären, den er in der vergangenen Woche bei Ebay ersteigert hatte, vor sich auf den Tisch. "Warum erwischt es immer nur mich? Warum muss ich immer nur so vom Pech verfolgt sein? Und jetzt noch die heutige Pechsträhne... ich weiss wirklich nicht mehr, wie es noch weitergehen soll," jammerte er dem Teddy die Ohren voll. Mika dachte kurz nach, dann schnappte er sich die Fernbedienung vom Fernseher und zappte durch die Nachrichtenkanäle. "...schweres Busunglück in China, bei dem mindestens zwanzig Personen um's Leben kamen. Noch immer schneiden die Bergungskräfte weitere Opfer heraus. Viele der Angehörigen mussten mit schweren Schocks ins Krankenhaus gebracht werden, andere bangen nach wie vor verzweifelt um das Leben ihrer Angehörigen. Nach Auskunft der Polizei..." "...klagt der 26-Jährige nun gegen die Klinik, nachdem er bei einer Bluttransfusion während der OP mit dem Aidserreger HIV infiziert wurde. Die Schadensersatzforderung könne zwar nicht wieder gutmachen, was passiert sei, aber es wäre an der Zeit, Zeichen zu setzen, damit dem Pfusch bei den Blutuntersuchungen Einhalt geboten werde und andere in Zukunft nicht mehr unverschuldet mit dieser todbringenden Krankheit leben müssen, so der 26-Jährige gestern bei einer Pressekonferenz in..." "...bei einem Amoklauf eines Schülers wurden 12 Schüler und drei Lehrer getötet, 25 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Drei Lehrer liegen noch immer auf der Intensivstation und die Ärzte..." "...bei einem Chemieunfall entstand eine hochgiftige Rauchwolke, die die benachbarte Gemeinde bereits erreicht hat. Etliche Bewohner klagen über Übelkeit, es ist nicht auszuschliessen, dass die Inhalation des Giftes bleibende Schäden bei den Betroffenen..."

Mika schaltete den Fernseher ab, "das sind Schicksalstragödien. All diese Leute würden nur allzu gerne mit dir tauschen," erklärte er Leonhard. "Ja, was ist denn jetzt das?" fragte er verwundert, "was habe ich denn da ersteigert? Stofftiere können doch gar nicht sprechen!" Mika grinste verschmitzt, "Stofftiere nicht, aber Teddybären schon und als Teddybär sage ich dir, dass du aufhören sollst in Selbstmitleid zu zerfliessen, denn dafür haben andere viel mehr Grund." Leonhard seufzte, "ja, so in etwa hat meine Mutter schon immer geredet, aber das musste sie ja auch, schliesslich war ihr Mann Pastor, aber auch wenn es andere noch ärger erwischt, mir reicht meine Miesere voll und ganz. Mag sein, dass es auch noch schlimmer geht, aber das ändert nichts daran, dass es auch mir dreckig geht!" Mika hüpfte vom Cochtisch und setzte sich neben ihn auf die Couch. "Das meinst du auch nur, weil du alles negativ sehen willst," kritisierte er. Leonhard drehte sich ärgerlich zu Mika um, "ach, dann soll ich mich wohl deiner Ansicht nach noch über meine ganzen Schicksalsschläge freuen, oder wie?" Auch wenn er es jetzt selber ausgesprochen hatte, kapiert hatte er es offensichtlich noch immer nicht. "Ja, warum nicht?", entgegnete er dem aufgebrachten Leonhard, der ihn nun für vollkommen plemplem erklärte, "so abwegig ist das doch gar nicht. Deine Ehe zum Beispiel; die ist doch schon seit Jahren kaputt und DU warst es doch, der schon des öfteren an eine Scheidung gedacht hat. Den Gedanken hast du doch nur deshalb immer wieder verworfen, weil du dann Unterhalt zahlen müsstest. Jetzt ist sie mit ihrem Chef auf und davon, schätze, das Unterhaltsproblem bist du los und da du obendrein jetzt auch noch ohne Einkommen bist, wird die Scheidung wohl der Chef deiner Frau finanzieren. Auf jeden Fall ist diese kaputte Ehe wohl massgeblich daran beteiligt, dass dein Sohn so abgeglitten ist und dass er nun bei der Polente hockt, das war es doch, was du immer gewollt hast. Hast du nicht immer gesagt, dass die Bullen den mal einlochen sollten, dass er wieder klar im Kopf wird?" "Ja, schon", gab Leonhard zu, "aber das war doch nur so dahingesagt, das habe ich doch gar nicht so gemeint." "Egal," fuhr Mika fort, "darauf kommen wir gleich noch einmal zu sprechen, jetzt erst mal zu deinem Job, war es nicht so, dass dich der Job schon die ganze Zeit ankotzt? Du hast doch schon immer davon geträumt, in Portugal zurückgezogen als Fischer zu leben. Nun, du bist seit 25 Jahren in der Firma, von der Abfindung, die du erwarten darfst, kannst du dir sicher ein kleines Fischerboot kaufen. Dein Auto hast du ja bereits schon, na sagen wir mal so etwas wie verkauft. Wenn dein Sohn jetzt mal eine Nacht bei der Polizei in der Zelle bleibt, wird er sicher etwas daraus lernen und in Portugal hättet ihr dann beide die Chance, noch einmal ganz von vorne zu beginnen, und zwar gemeinsam. Du siehst, wenn man ein wenig nachdenkt, dann ist das alles schon gar nicht mehr so schrecklich schlimm, oder?"

Leonhard sah seinen Teddy nachdenklich an, dann ging er in die Küche und kam mit einer Falsche Sekt zurück. "Komm, lass uns anstossen," sagte er zu Mika, "heute ist nämlich mein Glückstag!"