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Es
war ein absolut "schwarzer Freitag" für Leonhard, so
jedenfalls meinte er, diesen Tag bezeichnen zu müssen. Sein
Chef hatte ihm soeben mitgeteilt, dass seine Abteilung geschlossen
werden müsse, da die Firma seit über einem halben
Jahr mit Verlust arbeitete und Einsparungen unumgänglich
seien. Auf dem Heimweg nahm ihm dann noch ein Lastwagenfahrer die
Vorfahrt und es kam zu einem Unfall, bei dem sein Auto völlig
zerstört wurde. "Na klasse!", fluchte er, "die letzte Rate
noch nicht bezahlt, aber die Karre ist Schrott." Als er endlich zu
Hause eintraf und seiner Frau von diesem katastrophalen Tag berichten
wollte, fand er statt seiner Frau lediglich einen Brief vor, in dem
stand, dass sie ihn verlassen und zu ihrem Chef ziehen würde,
mit dem sie bereits seit einem Jahr ein Verhältnis habe. Als
dann noch die Polizei bei ihm anrief, um ihm mitzuteilen, dass sie
seinen Sohn beim Ladendiebstahl erwischt hatten, war das Fass bis zum
Überlaufen voll.
Frustriert setzte er sich an den Couchtisch und setzte Mika, einen
kleinen anthrazitfarbenen Teddybären, den er in der
vergangenen Woche bei Ebay ersteigert hatte, vor sich auf den Tisch.
"Warum erwischt es immer nur mich? Warum muss ich immer nur so vom Pech
verfolgt sein? Und jetzt noch die heutige Pechsträhne... ich
weiss wirklich nicht mehr, wie es noch weitergehen soll," jammerte er
dem Teddy die Ohren voll. Mika dachte kurz nach, dann schnappte er sich
die Fernbedienung vom Fernseher und zappte durch die
Nachrichtenkanäle. "...schweres Busunglück in China,
bei dem mindestens zwanzig Personen um's Leben kamen. Noch immer
schneiden die Bergungskräfte weitere Opfer heraus. Viele der
Angehörigen mussten mit schweren Schocks ins Krankenhaus
gebracht werden, andere bangen nach wie vor verzweifelt um das Leben
ihrer Angehörigen. Nach Auskunft der Polizei..." "...klagt der
26-Jährige nun gegen die Klinik, nachdem er bei einer
Bluttransfusion während der OP mit dem Aidserreger HIV
infiziert wurde. Die Schadensersatzforderung könne zwar nicht
wieder gutmachen, was passiert sei, aber es wäre an der Zeit,
Zeichen zu setzen, damit dem Pfusch bei den Blutuntersuchungen Einhalt
geboten werde und andere in Zukunft nicht mehr unverschuldet mit dieser
todbringenden Krankheit leben müssen, so der
26-Jährige gestern bei einer Pressekonferenz in..." "...bei
einem Amoklauf eines Schülers wurden 12 Schüler und
drei Lehrer getötet, 25 weitere wurden zum Teil schwer
verletzt. Drei Lehrer liegen noch immer auf der Intensivstation und die
Ärzte..." "...bei einem Chemieunfall entstand eine hochgiftige
Rauchwolke, die die benachbarte Gemeinde bereits erreicht hat. Etliche
Bewohner klagen über Übelkeit, es ist nicht
auszuschliessen, dass die Inhalation des Giftes bleibende
Schäden bei den Betroffenen..."
Mika schaltete den Fernseher ab, "das sind
Schicksalstragödien. All diese Leute würden nur allzu
gerne mit dir tauschen," erklärte er Leonhard. "Ja, was ist
denn jetzt das?" fragte er verwundert, "was habe ich denn da
ersteigert? Stofftiere können doch gar nicht sprechen!" Mika
grinste verschmitzt, "Stofftiere nicht, aber Teddybären schon
und als Teddybär sage ich dir, dass du aufhören
sollst in Selbstmitleid zu zerfliessen, denn dafür haben
andere viel mehr Grund." Leonhard seufzte, "ja, so in etwa hat meine
Mutter schon immer geredet, aber das musste sie ja auch, schliesslich
war ihr Mann Pastor, aber auch wenn es andere noch ärger
erwischt, mir reicht meine Miesere voll und ganz. Mag sein, dass es
auch noch schlimmer geht, aber das ändert nichts daran, dass
es auch mir dreckig geht!" Mika hüpfte vom Cochtisch und
setzte sich neben ihn auf die Couch. "Das meinst du auch nur, weil du
alles negativ sehen willst," kritisierte er. Leonhard drehte sich
ärgerlich zu Mika um, "ach, dann soll ich mich wohl deiner
Ansicht nach noch über meine ganzen Schicksalsschläge
freuen, oder wie?" Auch wenn er es jetzt selber ausgesprochen hatte,
kapiert hatte er es offensichtlich noch immer nicht. "Ja, warum
nicht?", entgegnete er dem aufgebrachten Leonhard, der ihn nun
für vollkommen plemplem erklärte, "so abwegig ist das
doch gar nicht. Deine Ehe zum Beispiel; die ist doch schon seit Jahren
kaputt und DU warst es doch, der schon des öfteren an eine
Scheidung gedacht hat. Den Gedanken hast du doch nur deshalb immer
wieder verworfen, weil du dann Unterhalt zahlen müsstest.
Jetzt ist sie mit ihrem Chef auf und davon, schätze, das
Unterhaltsproblem bist du los und da du obendrein jetzt auch noch ohne
Einkommen bist, wird die Scheidung wohl der Chef deiner Frau
finanzieren. Auf jeden Fall ist diese kaputte Ehe wohl massgeblich
daran beteiligt, dass dein Sohn so abgeglitten ist und dass er nun bei
der Polente hockt, das war es doch, was du immer gewollt hast. Hast du
nicht immer gesagt, dass die Bullen den mal einlochen sollten, dass er
wieder klar im Kopf wird?" "Ja, schon", gab Leonhard zu, "aber das war
doch nur so dahingesagt, das habe ich doch gar nicht so gemeint."
"Egal," fuhr Mika fort, "darauf kommen wir gleich noch einmal zu
sprechen, jetzt erst mal zu deinem Job, war es nicht so, dass dich der
Job schon die ganze Zeit ankotzt? Du hast doch schon immer davon
geträumt, in Portugal zurückgezogen als Fischer zu
leben. Nun, du bist seit 25 Jahren in der Firma, von der Abfindung, die
du erwarten darfst, kannst du dir sicher ein kleines Fischerboot
kaufen. Dein Auto hast du ja bereits schon, na sagen wir mal so etwas
wie verkauft. Wenn dein Sohn jetzt mal eine Nacht bei der Polizei in
der Zelle bleibt, wird er sicher etwas daraus lernen und in Portugal
hättet ihr dann beide die Chance, noch einmal ganz von vorne
zu beginnen, und zwar gemeinsam. Du siehst, wenn man ein wenig
nachdenkt, dann ist das alles schon gar nicht mehr so schrecklich
schlimm, oder?"
Leonhard sah seinen Teddy nachdenklich an, dann ging er in die
Küche und kam mit einer Falsche Sekt zurück. "Komm,
lass uns anstossen," sagte er zu Mika, "heute ist nämlich mein
Glückstag!"
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