Das vermeintliche Lügenbärchen
eine Geschichte von Martin,
dem sich die Bären anvertrauen

Lieber Martin, eine wunderwundervolle Geschichte mal wieder,
ich freue mich, dass sich Sally Dir anvertraut hat.
DANKE

* made by Martin A. Floessner *



„Mein Name ist Sally, ich bin ein Sweet-little-Duckie-Bärchen und ich möchte bei euch im Dorf aufgenommen werden“, stellte sich ein kleines, puscheliges, orangefarbenes Bärchen dem Ältestenrat vor. Da die Teddies aus dem Sweet-little-Duckie-Clan im Dorf bereits als aufnahmewürdig bekannt waren, hatte der Ältestenrat keinerlei Einwände und wollte der Aufnahme gerade zustimmen, als ein Mitglied des Rates Bedenken vorbrachte. „Ein Sprichwort sagt, dass Lügen kurze Beine haben und wer lügt, der bekommt, wie von Pinoccio bekannt, eine lange Nase. Du hast sehr kurze Beine und eine etwas lange Nase, ich habe die Befürchtung, dass du ein Lügenbärchen sein könntest“. Dieser Vorwurf war zwar jetzt absolut an den Haaren herbeigezerrt, denn die Sweet-little-Duckie-Bärchen konnten alles sein, aber mit Sicherheit keine Lügenbärchen und auch die Beine waren nur unwesentlich kürzer, als man sie von anderen Sweet-little-Duckie-Bärchen kennt und die Nase? Nein, die war nun wirklich nicht besonders lang. Aber der Ratskollege hatte mit seinem Einwand schon in gewisser Weise Recht, denn wenn einem Bärchen mit der Ablehnung gedroht wird, so beginnt dieses sich in der Regel mit seiner Geschichte zu rechtfertigen. „Der Kollege hat Recht, wenn ich mir das so genau betrachte, dann muss ich dem Einwand zustimmen“, sagte ein anderer Bär des Ältestenrates während drei weitere Bären bereits eifrig den Tisch mit Wilderdbeersaftflaschen, Schälchen mit Wilderdbeeren, Bucheggern und gerösteten Kastanien als Knabbereien deckten, damit sie es sich beim Lauschen der nun sicher folgenden Geschichte gemütlich machen konnten. „Ich bin kein Lügenbärchen! Dass ich so aussehe, wie ich aussehe, das hat seinen Grund“, trotzte Sally. „Hört, hört“, stichelte ein Mitglied des Rates weiter, „wenn dem so ist, dann wirst du uns diesen Grund ja wohl sicher auch erzählen können, oder?“ Gespannt blickten alle auf Sally und öffneten schon mal die Saftflaschen. „Sicher kann ich das, es ist aber eine etwas längere Geschichte“, antwortete Sally, „in zwei, drei Sätzen ist das nicht erklärt“. „Wir haben Zeit“, erwiderte der Dorfälteste und schob sich schon einmal genüsslich zwei geröstete Kastanien in die Teddyschnauze. So begann Sally ihre Geschichte zu erzählen:

„Sandra war ein grosses aber etwas korpulentes Mädchen von 14 Jahren. Sie hatte einen recht grossen Oberkörper, aber ihre Beine waren in der Proportion gesehen etwas zu kurz geraten. Im Prinzip ist das ja alles nicht weiter schlimm, denn sie war ein ganz liebes Mädchen und sah mit ihren langen Haaren recht gut aus, auch wenn sie mit dem dummen Schönheitsideal eben nicht konform ging, aber sie war deswegen ständigen Hänseleien und Spott ausgesetzt und da sie sehr sensibel war, nahm sie das jedesmal sehr mit. Nicht selten verlor sie dabei dem Kampf gegen die Tränen. Ganz schlimm hatte sie es erwischt, als ein Junge, der ihr gut gefiel, zu ihr herüber blickte und sie meinte in seinen Augen ein gewisses Interesse für sie zu entdecken. Freudig über dieses Erlebnis hatte sie es dann auch sofort ihrer Freundin berichtet, die sie jedoch in ihrer Euphorie brutal bremste. „Das bildest du dir sicher nur ein“, hatte sie gesagt, „das sind nichts weiter als Wunschgedanken, die deiner Fantasie entspringen. Schau dich doch mal an: übergewichtig, zu kurze Beine und dann noch deine Pausbacken. Da steht kein Junge drauf“. Sandra hatte schon viele Schläge dieser Art einstecken müssen, aber dieser war wohl der schlimmste. Nicht nur deshalb, weil er ausgerechnet von ihrer Freundin kam, sondern vielmehr deshalb, weil ihr Traum von dem süssen Jungen nun einfach so zerplatzen sollte. Sie hatte es längst aufgegeben, gegen die Tränen anzukämpfen, als sie nach Hause kam. „Sandra, was ist denn mit dir los“, fragte ihre Tante Yvonne, die zu diesem Zeitpunkt gerade geschäftlich in der Gegend war und die Gelengenheit für einen kurzen Besuch genutzt hatte. Sandra berichtete ihr von ihrer Tragödie. „Ich bräuchte eben eine Zauberfee, die meine überschüssigen Kilos in längere Beine verwandeln kann“, setzte sie am Ende der Erzählung noch hinten dran. Mit einer Zauberfee konnte ihre Tante natürlich nicht aufwarten, sie zog statt derer mich aus ihrer Reisetasche und überreichte mich dem Mädchen.

Hach, was war sie von mir angetan, obwohl ich ja nicht die ersehnte Zauberfee war, aber sie wusste ja eben so gut, dass es Zauberfeen nur im Märchen gibt und so einen puschlig süssen, goldigen Tröst-Teddy, wie sie mich bezeichnet hatte, könnte sie ja in ihrer Situation auch so gut gebrauchen. Ich habe dazu erst einmal nichts gesagt, sondern gewartet, bis wir unter uns waren. Als wir endlich alleine waren fragte ich sie, was sie denn wohl geritten habe, dass sie ihr ich aufgeben und sich in eines von vielen Mädchen verwandeln lassen wollte, wenn es denn möglich wäre. Erwartungsgemäss rückte sie dann mit diesem besagten Jungen als Erklärung heraus. „Dann schau mich mal genau an“, habe ich sie aufgefordert, „auch meine Beine sind etwas kurz geraten, ich habe ein Bäuchelchen und ich habe Pausbäckchen und du hast mich trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, als einen „puschlig süssen, goldigen Tröst-Teddy“ bezeichnet. Was macht dich also so sicher, dass dieser Junge auf diese langweiligen Einheitsnormen, die schwachsinniger Weise auch noch den hochtrabenden Namen „Schönheitsideal“ tragen, steht? Meinst du nicht, das es gerade das Aussergewöhnliche an dir sein könnte, was ihn anzieht?“

Jetzt hatte ich sie da, wo ich sie haben wollte. Sie stellte die Wasserwerfer in ihren Augen ab und begann nachzudenken, denn von dieser Warte aus hatte sie das noch nie betrachtet. Sie erinnerte sich an die Blicke des Jungen und musste zugeben, dass ich durchaus Recht haben könnte. Dennoch plagte sie etwas Angst und Unsicherheit und so beschloss sie, mich, der ich ja ein recht kleiner Teddy bin, in die Hosentasche zu stecken und als seelische Unterstützung am nächsten Tag mitzunehmen. Wir trafen dann auch promt den Jungen, der ihr wieder diese Blicke zuwarf. Ich konnte dies zwar in der dunklen Hosentasche nicht sehen, aber ich habe diese Blicke genau gespührt und ich spührte genauso, dass sie diese Blicke nicht missverstanden hatte, so wie es ihr ihre Freundin einreden wollte. Sie ging auf den Jungen zu und ich spührte deutlich ihre Anspannung und wie sie immer verkrampfter wurde. Sie dachte immer nur daran, dass , wenn sie jetzt etwas falsches sagen würde, sie alles kaputt machen könnte. Diese Anspannung steigerte sich derartig an, dass aus ihren Augen schon wieder das Wasser geschossen kam, als sie den Jungen erreichte. Sie wollte sich gerade verschämt abwenden und davon laufen, als er sie liebevoll in den Arm nahm, „Hey, was ist denn los? Weinst du?“ hat er mit einer unglaublich warmen Stimme gefragt. Sie setzten sich dann auf ein Mäuerchen, doch bevor Sandra etwas sagen konnte, bin ich ihr aus der Hosentasche und ausgerechnet dem Jungen direkt vor die Füsse gefallen. Sandra wurde schlagartig puterrot, es war ihr so peinlich, dass der Junge sah, dass sie, mit ihren 14 Jahren, mit einem Teddybären durch die Gegend zog. Der Junge hatte mich natürlich sofort bemerkt und rief „Och ist der süüüss! Wie heisst du denn?“ „Sally, heisse ich“, hab ich ihm geantwortet. „So so, Sally heisst du, dann bist du ja eine „sie“ und ich muss sagen och ist „die“süss. Entschuldige bitte“, plapperte der Junge weiter, ohne in irgend einer Weise erstaunt darüber zu sein, dass der Teddy sprechen konnte. „Weisst du“, sagte er zu Sandra, als er sich wieder zu ihr gedreht hatte, „ich liebe Teddybären, ich habe selber eine ganze Menge davon zu Hause. Sie sind niocht nur für Kinder der beste Freund; ich denke, je älter man wird umso nötiger hat man sie sogar. Willst du sie mal sehen? Ich wohne nicht weit von hier“.  

Das Eis war gebrochen, Sandra lächelte und wir gingen gemeinsam seine vielen Teddybären besuchen. Sie haben sich dann noch lange weiter unterhalten, aber darauf gehe ich jetzt nicht weiter ein, das muss ein Teddy für sich behalten. Ich habe mich mit den anderen Teddies in der Zwischenzeit lange unterhalten und sie haben mir bestätigt, dass ich mich in dem Jungen nicht getäuscht hatte.
 
Und?“ fragte Sally nach einer kurzen Pause, nachdem sie mit ihrer Geschichte am Ende war, „Werde ich jetzt doch aufgenommen?“ „Du bist von der ersten Minute an aufgenommen gewesen“, antwortete der Teddy, der als erster den Einwand vorgebracht hatte verschämt, während die anderen betont unschuldig an die Decke starrten, „wir haben dich ja nur deshalb zunächst einmal abgelehnt, weil wir so gerne den Geschichten lauschen“.