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„Mein Name ist Sally, ich bin ein Sweet-little-Duckie-Bärchen und ich möchte bei
euch im Dorf aufgenommen werden“, stellte sich ein kleines, puscheliges,
orangefarbenes Bärchen dem Ältestenrat vor. Da die Teddies aus dem
Sweet-little-Duckie-Clan im Dorf bereits als aufnahmewürdig bekannt waren, hatte
der Ältestenrat keinerlei Einwände und wollte der Aufnahme gerade zustimmen, als
ein Mitglied des Rates Bedenken vorbrachte. „Ein Sprichwort sagt, dass Lügen
kurze Beine haben und wer lügt, der bekommt, wie von Pinoccio bekannt, eine
lange Nase. Du hast sehr kurze Beine und eine etwas lange Nase, ich habe die
Befürchtung, dass du ein Lügenbärchen sein könntest“. Dieser Vorwurf war zwar
jetzt absolut an den Haaren herbeigezerrt, denn die Sweet-little-Duckie-Bärchen
konnten alles sein, aber mit Sicherheit keine Lügenbärchen und auch die Beine
waren nur unwesentlich kürzer, als man sie von anderen
Sweet-little-Duckie-Bärchen kennt und die Nase? Nein, die war nun wirklich nicht
besonders lang. Aber der Ratskollege hatte mit seinem Einwand schon in gewisser
Weise Recht, denn wenn einem Bärchen mit der Ablehnung gedroht wird, so beginnt
dieses sich in der Regel mit seiner Geschichte zu rechtfertigen. „Der Kollege
hat Recht, wenn ich mir das so genau betrachte, dann muss ich dem Einwand
zustimmen“, sagte ein anderer Bär des Ältestenrates während drei weitere Bären
bereits eifrig den Tisch mit Wilderdbeersaftflaschen, Schälchen mit
Wilderdbeeren, Bucheggern und gerösteten Kastanien als Knabbereien deckten,
damit sie es sich beim Lauschen der nun sicher folgenden Geschichte gemütlich
machen konnten. „Ich bin kein Lügenbärchen! Dass ich so aussehe, wie ich
aussehe, das hat seinen Grund“, trotzte Sally. „Hört, hört“, stichelte ein
Mitglied des Rates weiter, „wenn dem so ist, dann wirst du uns diesen Grund ja
wohl sicher auch erzählen können, oder?“ Gespannt blickten alle auf Sally und
öffneten schon mal die Saftflaschen. „Sicher kann ich das, es ist aber eine
etwas längere Geschichte“, antwortete Sally, „in zwei, drei Sätzen ist das nicht
erklärt“. „Wir haben Zeit“, erwiderte der Dorfälteste und schob sich schon
einmal genüsslich zwei geröstete Kastanien in die Teddyschnauze. So begann Sally
ihre Geschichte zu erzählen:
„Sandra war ein grosses aber etwas korpulentes
Mädchen von 14 Jahren. Sie hatte einen recht grossen Oberkörper, aber ihre Beine
waren in der Proportion gesehen etwas zu kurz geraten. Im Prinzip ist das ja
alles nicht weiter schlimm, denn sie war ein ganz liebes Mädchen und sah mit
ihren langen Haaren recht gut aus, auch wenn sie mit dem dummen Schönheitsideal
eben nicht konform ging, aber sie war deswegen ständigen Hänseleien und Spott
ausgesetzt und da sie sehr sensibel war, nahm sie das jedesmal sehr mit. Nicht
selten verlor sie dabei dem Kampf gegen die Tränen. Ganz schlimm hatte sie es
erwischt, als ein Junge, der ihr gut gefiel, zu ihr herüber blickte und sie
meinte in seinen Augen ein gewisses Interesse für sie zu entdecken. Freudig über
dieses Erlebnis hatte sie es dann auch sofort ihrer Freundin berichtet, die sie
jedoch in ihrer Euphorie brutal bremste. „Das bildest du dir sicher nur ein“,
hatte sie gesagt, „das sind nichts weiter als Wunschgedanken, die deiner
Fantasie entspringen. Schau dich doch mal an: übergewichtig, zu kurze Beine und
dann noch deine Pausbacken. Da steht kein Junge drauf“. Sandra hatte schon viele
Schläge dieser Art einstecken müssen, aber dieser war wohl der schlimmste. Nicht
nur deshalb, weil er ausgerechnet von ihrer Freundin kam, sondern vielmehr
deshalb, weil ihr Traum von dem süssen Jungen nun einfach so zerplatzen sollte.
Sie hatte es längst aufgegeben, gegen die Tränen anzukämpfen, als sie nach Hause
kam. „Sandra, was ist denn mit dir los“, fragte ihre Tante Yvonne, die zu diesem
Zeitpunkt gerade geschäftlich in der Gegend war und die Gelengenheit für einen
kurzen Besuch genutzt hatte. Sandra berichtete ihr von ihrer Tragödie. „Ich
bräuchte eben eine Zauberfee, die meine überschüssigen Kilos in längere Beine
verwandeln kann“, setzte sie am Ende der Erzählung noch hinten dran. Mit einer
Zauberfee konnte ihre Tante natürlich nicht aufwarten, sie zog statt derer mich
aus ihrer Reisetasche und überreichte mich dem Mädchen.
Hach, was war sie
von mir angetan, obwohl ich ja nicht die ersehnte Zauberfee war, aber sie wusste
ja eben so gut, dass es Zauberfeen nur im Märchen gibt und so einen puschlig
süssen, goldigen Tröst-Teddy, wie sie mich bezeichnet hatte, könnte sie ja in
ihrer Situation auch so gut gebrauchen. Ich habe dazu erst einmal nichts gesagt,
sondern gewartet, bis wir unter uns waren. Als wir endlich alleine waren fragte
ich sie, was sie denn wohl geritten habe, dass sie ihr ich aufgeben und sich in
eines von vielen Mädchen verwandeln lassen wollte, wenn es denn möglich wäre.
Erwartungsgemäss rückte sie dann mit diesem besagten Jungen als Erklärung
heraus. „Dann schau mich mal genau an“, habe ich sie aufgefordert, „auch meine
Beine sind etwas kurz geraten, ich habe ein Bäuchelchen und ich habe
Pausbäckchen und du hast mich trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, als
einen „puschlig süssen, goldigen Tröst-Teddy“ bezeichnet. Was macht dich also so
sicher, dass dieser Junge auf diese langweiligen Einheitsnormen, die
schwachsinniger Weise auch noch den hochtrabenden Namen „Schönheitsideal“
tragen, steht? Meinst du nicht, das es gerade das Aussergewöhnliche an dir sein
könnte, was ihn anzieht?“
Jetzt hatte ich sie da, wo ich sie haben wollte. Sie
stellte die Wasserwerfer in ihren Augen ab und begann nachzudenken, denn von
dieser Warte aus hatte sie das noch nie betrachtet. Sie erinnerte sich an die
Blicke des Jungen und musste zugeben, dass ich durchaus Recht haben könnte.
Dennoch plagte sie etwas Angst und Unsicherheit und so beschloss sie, mich, der
ich ja ein recht kleiner Teddy bin, in die Hosentasche zu stecken und als
seelische Unterstützung am nächsten Tag mitzunehmen. Wir trafen dann auch promt
den Jungen, der ihr wieder diese Blicke zuwarf. Ich konnte dies zwar in der
dunklen Hosentasche nicht sehen, aber ich habe diese Blicke genau gespührt und
ich spührte genauso, dass sie diese Blicke nicht missverstanden hatte, so wie es
ihr ihre Freundin einreden wollte. Sie ging auf den Jungen zu und ich spührte
deutlich ihre Anspannung und wie sie immer verkrampfter wurde. Sie dachte immer
nur daran, dass , wenn sie jetzt etwas falsches sagen würde, sie alles kaputt
machen könnte. Diese Anspannung steigerte sich derartig an, dass aus ihren Augen
schon wieder das Wasser geschossen kam, als sie den Jungen erreichte. Sie wollte
sich gerade verschämt abwenden und davon laufen, als er sie liebevoll in den Arm
nahm, „Hey, was ist denn los? Weinst du?“ hat er mit einer unglaublich warmen
Stimme gefragt. Sie setzten sich dann auf ein Mäuerchen, doch bevor Sandra etwas
sagen konnte, bin ich ihr aus der Hosentasche und ausgerechnet dem Jungen direkt
vor die Füsse gefallen. Sandra wurde schlagartig puterrot, es war ihr so
peinlich, dass der Junge sah, dass sie, mit ihren 14 Jahren, mit einem
Teddybären durch die Gegend zog. Der Junge hatte mich natürlich sofort bemerkt
und rief „Och ist der süüüss! Wie heisst du denn?“ „Sally, heisse ich“, hab ich
ihm geantwortet. „So so, Sally heisst du, dann bist du ja eine „sie“ und ich
muss sagen och ist „die“süss. Entschuldige bitte“, plapperte der Junge weiter,
ohne in irgend einer Weise erstaunt darüber zu sein, dass der Teddy sprechen
konnte. „Weisst du“, sagte er zu Sandra, als er sich wieder zu ihr gedreht
hatte, „ich liebe Teddybären, ich habe selber eine ganze Menge davon zu Hause.
Sie sind niocht nur für Kinder der beste Freund; ich denke, je älter man wird
umso nötiger hat man sie sogar. Willst du sie mal sehen? Ich wohne nicht weit
von hier“.
Das Eis war gebrochen, Sandra lächelte und wir gingen gemeinsam
seine vielen Teddybären besuchen. Sie haben sich dann noch lange weiter
unterhalten, aber darauf gehe ich jetzt nicht weiter ein, das muss ein Teddy für
sich behalten. Ich habe mich mit den anderen Teddies in der Zwischenzeit lange
unterhalten und sie haben mir bestätigt, dass ich mich in dem Jungen nicht
getäuscht hatte.
Und?“ fragte Sally nach einer kurzen Pause, nachdem
sie mit ihrer Geschichte am Ende war, „Werde ich jetzt doch aufgenommen?“ „Du
bist von der ersten Minute an aufgenommen gewesen“, antwortete der Teddy, der
als erster den Einwand vorgebracht hatte verschämt, während die anderen betont
unschuldig an die Decke starrten, „wir haben dich ja nur deshalb zunächst einmal
abgelehnt, weil wir so gerne den Geschichten lauschen“.
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